Austausch zwischen Fachwelt und jungen Menschen zu „Jugend und Corona“

18.11.21

„Jugend und Corona: Wie können junge Menschen in der Gesetzgebung besser mitgedacht werden?“ –diese Frage diskutierten am 10. November 2021 Claudia Kittel, Jessica Jolene Pilz, Lorenz Bahr und Immanuel Benz unter Beteiligung des Publikums bei der digitalen Fishbowl-Diskussionsveranstaltung des Kompetenzzentrums Jugend-Check. Dabei wurde deutlich: Die Folgen der Maßnahmen zur Eindämmung von Covid-19 auf junge Menschen standen nicht im Fokus der Politik, haben im Leben junger Menschen aber viele Spuren hinterlassen.

Panel der Fishbowldiskussion, von oben links nach rechts unten: Merle Becker (Moderation), Lorenz Bahr, Claudia Kittel, Immanuel Benz, Jessica Pilz

Die Covid19-Pandemie und die Maßnahmen zur Eindämmung haben das Leben aller jungen Menschen in Deutschland stark verändert. Welche Einschränkungen jedoch auf welche Gruppen junger Menschen besonderen Einfluss hatten und wie dies von der Seite des Gesetzgebers in Zukunft berücksichtigt werden kann, darüber diskutierten Claudia Kittel (Leiterin der Monitoring-Stelle UN-Kinderrechtskonvention), Jessica Jolene Pilz (Landesschulsprecherin in Hessen), Lorenz Bahr (Vorsitzender der Bundesarbeitsgemeinschaft Landesjugendämter) und Immanuel Benz (Referent im Referat „Jugendstrategie, eigenständige Jugendpolitik“ im Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend). Moderiert wurde die digitale Veranstaltung von Merle Becker.

Die unterschiedlichen fachlichen Blickwinkel der Podiumsgäste zeigten, dass die Problemlagen komplex sind und sich kaum durch einzelne Maßnahmen bewältigen lassen. Das bestätigten auch die jungen Menschen zwischen 12 und 27 Jahren, die sich per Video zur Diskussion zuschalten konnten, anhand ihrer persönlichen Erfahrungen. Die teilnehmenden Fachkräfte über 27 Jahre aus Politik, Verwaltung und Jugendhilfe zeichneten über ihre Beiträge im Chat ein ähnliches Bild. Dennoch gab es zahlreiche Ideen für Lösungsansätze.

Wo spüren junge Menschen die Folgen der Pandemie besonders?

Wortwolke mit Antworten des Publikums auf die Frage „In welchem Lebensbereich haben junge Menschen die stärksten Auswirkungen durch die Pandemie gespürt?“.

Die Veranstaltung startete mit einer Frage an alle Zuhörerinnen und Zuhörer, in welchem Lebensbereich sie die größten Auswirkungen der Pandemie auf das Leben junger Menschen sehen. Am häufigsten wurden dabei Freizeit, Bildung und soziale Kontakte genannt. „Das sind wesentliche Lebensbereiche für junge Menschen“, betonte Lorenz Bahr und fügte hinzu: „Ich glaube, dass die Bedarfe von Kindern und Jugendlichen auf allen Ebenen absolut nicht ausreichend mitgedacht wurden.“ Diverse Studien hätten inzwischen bestätigt, dass die Folgen der Covid-19 Pandemie vielfältig seien: Dazu gehörten psychische Erkrankungen, schulische Ausfälle, keine Treffen mit Freundinnen und Freunden und keine Ferienangebote, so Claudia Kittel.

Pandemie hat gravierende Konsequenzen für junge Menschen

Immanuel Benz verwies auf pauschale Vorurteile gegenüber jungen Menschen in der Pandemie, etwa die Darstellung als Pandemietreiberinnen und -treiber: „Die Wahrnehmung junger Menschen als Betroffene in der Pandemie ist zu spät gekommen, dabei sind die sozial-ökonomischen Konsequenzen sehr gravierend für junge Menschen.“ Er betonte, dass pauschale Vorstellungen über junge Menschen ohnehin danebengriffen: „Es gibt die Lebensphase Jugend mit gleichen Herausforderungen, aber die Jugend gibt es nicht.“ Lorenz Bahr ergänzte, dass zwar alle jungen Menschen unabhängig von Herkunft und sozialem Milieu betroffen seien. Jedoch würden insbesondere junge Menschen, die aus benachteiligten Milieus kommen, durch die Pandemie besonders stark eingeschränkt.

Benachteiligungen und Probleme in der Bildung

Jessica Pilz berichtete, dass die hessische Landesschüler*innenvertretung Schülerinnen und Schüler vor den Sommerferien zu ihrer Wahrnehmung der Situation befragt habe. „Besonders oft wurde in der Befragung betont, dass durch Distanzunterricht Schule und Freizeit nicht mehr getrennt waren. Das hat junge Menschen sehr geprägt.“ Die unterschiedliche technische Ausstattung in den Familien – etwa im Hinblick auf vorhandene Geräte und die Qualität der Internetverbindung – habe auch für große Ungleichheit gesorgt. Insgesamt seien bei vielen jungen Menschen Defizite im Bereich der formalen Bildung zu beobachten, so Lorenz Bahr. Dazu äußerten sich auch mehrere Teilnehmende: Es seien beispielsweise Hausaufgaben „zu kurzfristig kommuniziert“ worden und Lehrpersonen hätten bei vielen Fragen nicht weiterhelfen können, berichtete eine Teilnehmerin.

Vor allem die kurzfristigen Entscheidungen der Länder zur Öffnung und Schließung der Schulen hätten zu psychischen Belastungen geführt: „Schüler sind rasend geworden, weil man am Freitag nicht wusste, wie es am Montag weitergeht“, erzählte ein anderer Teilnehmer. Die Situation sei zudem besonders schwierig, da es längst nicht genügend Therapieplätze gebe. Auch Jessica Pilz betonte, dass die psychische Gesundheit junger Menschen in der Pandemie gelitten habe: Das sei ausgelöst worden durch Dauerstress und die Unsicherheiten, wie der Schulabschluss verlaufen wird und was eigentlich nach der Schule passiert.

„Das Jungsein wurde durch Corona eingeschränkt“

Zugleich schmerzt es, einen Bildungsabschluss nicht feiern zu können, wie Teilnehmende im Chat berichteten. „Einmalige Lebensereignisse aus der Jugend können nicht nachgeholt werden – das Jungsein ist eingeschränkt. Einen nicht gefeierten 18. Geburtstag kann man nicht nachholen“, so Immanuel Benz. Auch Lorenz Bahr bekräftigte, dass die Pandemie Auswirkungen auf das ganze Leben habe, da das eigene Ausprobieren, etwa im Ehrenamt auf der Strecke blieben: „Vielfach zieht das, wofür wir uns in der Jugend interessieren, Entscheidungen für das spätere Leben nach sich – etwa im Hinblick auf die Berufswahl. Das wird nicht nachzuholen sein.“

Anhörung und Beteiligung junger Menschen – auch in pandemischer Notlage

Gleichzeitig wurde bei der Diskussionsrunde häufig betont, dass auch mangelnde Mitbestimmungsmöglichkeiten für junge Menschen in der Pandemie problematisch seien. Claudia Kittel machte deutlich, dass Entscheidungen von erwachsenen Politikerinnen und Politikern getroffen wurden, ohne die Kinder und Jugendlichen anzuhören und zu berücksichtigen. Dem schlossen sich auch junge Teilnehmende in ihren Wortbeiträgen an: „Kultusministerien sollten direkt Schülervertretungen befragen und neue Maßnahmen und Regelungen auch in einer kind- und jugendgerechten Sprache erklären“, so eine Teilnehmerin. Für eine frühere Beteiligung junger Menschen wünschte sie sich eine gesetzliche Verpflichtung.

Jugend-Check zur Sensibilisierung

Neben der wünschenswerten Beteiligung junger Menschen ist auch die Sensibilität von Politik und Verwaltung gegenüber den Belangen junger Menschen wichtig. Immanuel Benz erklärte, dass alle Ministerien jugendrelevante Themen verhandeln. Häufig würden junge Menschen aber nicht automatisch mitgedacht, wenn zum Beispiel ein Gesetzentwurf nicht direkt Jugend im Titel hat. Hier müsse eine Sensibilität aber auch in Krisenzeiten funktionieren: „Hieran arbeiten wir mit der Eigenständigen Jugendpolitik – und deswegen fördern wir als Bundesjugendministerium den Jugend-Check und wollen dabei die Verbindlichkeit stärken“, so Immanuel Benz. „Der Jugend-Check kann bei der Bundesgesetzgebung den ressortübergreifenden Blick liefern“, bekräftigte auch Claudia Kittel.

Maßnahmen für eine Verbesserung der Situation junger Menschen

Zum Abschluss der Veranstaltung nannten alle Podiumsgäste Maßnahmen, die in ihren Augen die Situation für junge Menschen in Deutschland verbessern würden. Claudia Kittel sprach sich für eine verbindliche Beteiligung von Kindern und Jugendlichen, die Absenkung des Wahlalters und niedrigschwellige Anlaufstellen im kommunalen Raum aus, damit Interessensvertretungen von Kindern und Jugendlichen Unterstützung bei ihrer Gründung erhalten. Lorenz Bahr forderte Beteiligungsstrukturen auf kommunaler Ebene, krisenfeste Angebote für Kinder- und Jugendliche und die Sicherstellung einer guten digitalen Ausstattung von Schulen, Jugendämtern und den Kindern und Jugendlichen selbst. Jessica Pilz wünschte sich, dass bestehende Interessensvertretungen junger Menschen gestärkt werden und die Entstehung solcher Interessensvertretungen gefördert würden, wo Gruppen junger Menschen noch nicht vertreten seien. Außerdem solle sich das „Mindset gegenüber der Jugend ändern“ und junge Menschen sollen ganzheitlich begriffen werden. Für die Zukunft wünschte sich Immanuel Benz, dass Jugendpolitik noch stärker als Querschnittsaufgabe verstanden wird.

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